Auf zum Goldenen Zeitalter – eine Gegenwartsgroteske

Es ist ein ungewohntes Bild: Vor der Herz Jesu Kirche in Trier-Süd stehen 14 Menschen in Weiß gekleidet: manche gebeugt, andere in meditativer Haltung und einige mit fragender Geste. Trotz des Sonnenscheins wirkt dieses Bild gespenstisch. Ein Chor zieht auf und singt von der britischen Alternative Rock Band das Lied „I am not working“. Sie ziehen durch die Installation eingefrorener Menschen und kurz bevor sie in die Kirche einziehen, singen sie: „Kein Fallschirm, keine düstere Wolke, nur dieser verdammte Ort.“ Diese befremdende Szene ist der Auftakt der Gegenwartsgroteske Auf zum Goldenen Zeitalter, einer Kooperation zwischen Studierenden der Theologischen Fakultät Trier und IKD (Initiative Kulturelle Diakonie im Trierer Süden), die am 2. Juli um 11.15 Uhr in der Herz Jesu Kirche Premiere feierte.

Alles hatte seinen Anfang, als Prof. Dr. Joachim Theis (Lehrstuhl Religionspädagogik an der Theologischen Fakultät Trier) und Assistent Florian Kunz im Sommersemester ein Seminar zu Erscheinungsformen gelebter Religion anboten. Innerstes Anliegen war es, zu experimentieren. Statt trockener Theorie sollte Theaterspielen als Form religiöser Lebensform ausprobiert werden. Gemeinsam mit Marc-Bernhard Gleißner, Regisseur und Projektleiter von IKD, wagte man den Sprung in das Abenteuer einer anderen Unterrichtsform.

02. Juli 2022, 11.25 Uhr: In die Herz Jesu Kirche stürmt eine Frau mit einem Mikrofon und bittet laut um Entschuldigung. Veronika Ziegelmayer ist erbost. Sie will sich anklagen, weil sie die Corona-Maßnahmen kritisiert, aber nicht als Virus-Leugnerin und keine Querdenkerin dargestellt werden will. Doch bevor sie sich weiter in Wut reden kann, wird sie von Hilde Worst ermahnt, die sich in der Kirche im Gebet gestört fühlt. In kürzester Zeit verwandelt sich die Kirche zum Ort der Demonstration. In einem Video, produziert von den Studierenden Nina Huppertz, Marie Kintzinger und Katrin Vogelsberg, eskaliert die digitale Kommunikation über Hygiene in kürzester Zeit. Bevor das Publikum sich von diesem Schlagabtausch erholen kann, stürmen Heidi Rischner und Carla Schött als Anti-Volksmusik-Duo die Kirche und singen das Kinderlied Heidi und rechnen im Rundumschlag mit der kapitalistischen Wirtschaftsweise ab, die die Natur ausbeutet. Dazwischen findet eine Beerdigung statt: Die Studierenden Alena Kiefer, Sarah-Marie Pfisterer, Sarah Schons und Jessica Tobinsiki zeigen, wie sich eine Freundschaft aus Kinderzeit auseinanderlebt, weil man nicht mehr die gleichen Werte lebt. Sarah Schons stellt die provokative Frage: „Wo geht eine Gesellschaft hin, in der jeder nur noch an sich denkt? – Zur Hölle!“

Um diese turbulenten Szenen in der Kirche aufzuführen, arbeiteten die Studierenden und andere Ensemblemitglieder mit der Methode der Expertinnen des Alltags. Sie schrieben eine Klageschrift gegen die jetzige Gesellschaft und warfen ihr vor, was gerade alles schiefläuft. Als Ergebnis entstanden theatrale Szenen, die keine abgeschlosse Handlung in sich barg, sondern authentische, persönliche und emotionale Auseinandersetzungen mit der Welt von heute anboten. Gemeinsam mit Regisseur Marc-Bernhard Gleißner entwarfen und probten sie diese Szenen. Gleißner führte die Teilnehmenden an das Konzept der Performance heran. Die Performance will keine Geschichte erzählen, sondern entwickelt Ausdrucksformen, die Ästhetik und Emotion in Theater umwandeln will. Diese Szenen wurden zu einer Groteske inszeniert, also der Darstellung einer verzerrten Wirklichkeit, die auf paradox erscheinende Weise Widersprüchliches mit komischen Zügen verbindet.

Das Stück baute sich in vier Szenen auf: Zu Anfang wurde in einem lebenden Bild der Stillstand in der Gesellschaft gezeigt. Die zweite Szene war eine Anklage dieser Gesellschaft. In einer dritten Szene, die wieder vor der Kirche stattfand, wurde das lebende Bild zu Anfang in eine dynamische Choreografie aufgelöst. Es kommt Bewegung in verkrustete Strukturen und in einer vierten Szene kamen Hoffnungen und Visionen zu Wort: Wie stellen wir uns ein goldenes Zeitalter vor? Ein Zeitalter, in dem Gerechtigkeit, Religion, Moral und Herrschaft eins sind.

02. Juli 2022, 11.49 Uhr: Celina Brück und Celina Thilly erklären den Handys als modernen Informationswaffen den Krieg. Sie verfremden Jesaja 2,4 („Schwerter zu Pflugscharen“) und fordern auf, sich mehr Zeit füreinander zu nehmen. In einer Videobotschaft kommt der 1. Korintherbrief 13 mit „Glaube, Liebe, Hoffnung“ zur Sprache. Die Kindheitsfreunde erinnern sich an Matthäus 18,3 „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder“ und sehen in der kindlichen Naivität die Rettung aus dem Egoismus, während die Studierenden Lea Lazzaro, Gillian Lorenz, Viona Vokou, Mara Wladimir und Jessica Wittek einen Kampf zwischen Gut und Böse inszenieren. Depression als Macht über die Seele eines Menschen liegt immer auch daran, welchen Druck in einer Gesellschaft aufgebaut wird, Schönheits- und Leistungsidealen zu entsprechen. Ihr Plädoyer für die Akzeptanz des einzelnen in der Gesellschaft ist ihr Anliegen. Und zum Schluss: Hilde Worst zitiert Jesaja 2,4 – noch einmal die Schwerter zu Pflugscharen, leicht verfremdet – und fordert den gesellschaftlichen Frieden zwischen allen Menschen egal, welchen Geschlechts, welcher Sexualität, welcher Kultur, Hautfarbe oder Religion. Frieden und Wohlstand – das ist der Weg zum Goldenen Zeitalter.

Als Experiment bleibt die Performance so persönlich wie der persönlich gelebte Glauben: In der Performance stellt sich jede Darstellerin den existentiellen und drängenden Fragen der Zeit. Die Antwort ist weniger wichtig, vielmehr der Prozess der Auseinandersetzung: Wörter finden, Ausdruck in Szenen finden, sich mit anderen auseinandersetzen und Teil eines Ensembles sein, in der jede Teilnehmerin ganz eigene Fragen stellt. Trotz Vielfältigkeit und Unterschiede stellt sich auf einmal ein Gefühl des Zusammenhalts in einer Gruppe vieler Individuen ein, die sich fremd ist und doch so nah. Und wenn der Chor unter der Leitung von Jutta Thommes mit den Stimmen von Jutta Bongarts, Annegret Butler-Toh, Sylvia Deutschen, Christine Friedrich, Anja Lenninger und Carsten Oergel zum Schluss singt: „Delirium auf Helium, ich bleibe meine eigene Erfahrung.“ wird die Ensemble-Erfahrung, eines höheren Wirkens von Gemeinschaft wieder auf den einzelnen zurückgeworfen – oder um in den Worten Gottfried Benns zu sprechen: „…und wieder Dunkel, ungeheuer, im leeren Raum um Welt und Ich.“

Marc-Bernhard Gleißner

Autor:in: Redaktion (MLL)